29.06.2005       

Peter Placheta: Laudatio auf Wolfgang Gabriel

 

Wir beglückwünschen heute Prof. Wolfgang Gabriel zur Überreichung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst erster Klasse.

Für mich, der ich ihm seit fast vier Jahrzehnten durch die Musik freundschaftlich verbunden bin, ist es eine Freude und Auszeichnung, heute eine Darstellung seines Wirkens und seiner Verdienste zu geben.

Als Vorstand des Akademischen Orchestervereins (AOV) möchte ich insbesondere seine Verdienste um das Amateurmusizieren und sein umfangreiches kompositorisches Schaffen würdigen, an dessen Realisierung der AOV bei einigen Werken beteiligt war.

Zunächst einige biografische Vorbemerkungen:

Wolfgang Gabriel wurde am 9. Juni 1930 als Sohn eines Psychiaters in Wien geboren – er konnte also vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag feiern. Drei seiner Großeltern stammen aus verschiedenen Kronländern der Monarchie: von Nord, Ost und Süd. Er selbst meint, er hätte deshalb kaum wienerischer ausfallen können, und hat auch unsere Stadt nie für längere Zeit verlassen.

Wolfgang und seine beiden Brüder wuchsen in einem musikbegeisterten Elternhaus auf. Der Vater war ein begabter Pianist, die Mutter Lehrerin und entsprechend der damaligen Selbstverständlichkeit ebenfalls musikalisch gebildet. Mit sechs Jahren erhielt Wolfgang den ersten Klavierunterricht, erste Kompositionsversuche begann er mit neun Jahren. Mit dreizehn Jahren hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt als Begleiter seines älteren Bruders Reinhold mit der F-Dur Violin-Romanze von Beethoven.

Nach dem in Oberösterreich erlebten Kriegsende kam es zu einem zufälligen Kontakt mit einem Offizier der amerikanischen Besatzungstruppen, der dem jungen Wolfgang ein Empfehlungsschreiben an Dr. Hans Sittner gab, dem späteren Präsidenten der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, der ihm nach der Rückkehr nach Wien privaten Klavierunterricht erteilte. Ebenfalls über Vermittlung des Amerikaners erhielt Wolfgang den ersten privaten Theorieunterricht bei Leo Lehner, dem Gründer des Chores „Jung-Wien“.

Solcherart vorbereitet wurde Wolfgang Gabriel in die Musikakademie aufgenommen und studierte Klavier bei Grete Hinterhofer, Musiktheorie bei Joseph Marx, Komposition bei Alfred Uhl und Dirigieren bei Hans Swarowsky. Im Alter von 22 Jahren schloss er seine Studien mit Auszeichnung und Abgangspreis ab.

Nach wenigen Jahren als Volontär wurde er 1954 an die Musikakademie als Lehrkraft berufen, zunächst als Korrepetitor in der Gesangsabteilung, später als Assistent des Lied-Lehrers Dr. Ernst Reichert, schließlich als Leiter einer Opernklasse. In dieser Eigenschaft – zunächst als außerordentlicher, später als ordentlicher Hochschulprofessor – hat Wolfgang Gabriel jahrzehntelang an der Heranbildung künftiger Opernsänger mitgewirkt. Zahlreiche Opernaufführungen in Wien und auf ausgedehnten Tourneen wurden von ihm geleitet, bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996.

Wolfgang Gabriel hat als Dirigent mit verschiedenen Berufsorchestern zusammengearbeitet: den Wiener Symphonikern, den Niederösterreichischen Tonkünstlern, dem ORF-Symphonie-Orchester, dem ersten Frauenkammerorchester von Österreich, sowie mehreren ungarischen Orchestern. In den Fünfziger Jahren leitete er einige Jahre lang das neu gegründete Orchester der Jeunesse Musicale.

Die erste Begegnung Wolfgang Gabriels mit dem AOV fand 1957 bei einem Konzert im Großen Musikvereinssaal (GMVS) statt. Nach einigen Mitwirkungen als Gastdirigent übernahm er im Jahr 1962 die künstlerische Leitung des Orchesters. Seit 1988 leitet er auch den Chor der Bachgemeinde Wien. Daraus resultiert eine immer wiederkehrende Zusammenarbeit der beiden Amateurvereinigungen bei Chor-Orchesterwerken.

Der AOV hat erst vor kurzem sein 100-jähriges Bestehen gefeiert und mit einem ausverkauften Festkonzert Anfang dieses Jahres im GMVS seinen Ruf als eines der besten Amateurorchesters dieses Landes gefestigt. Dass dies so ist, ist in erster Linie dem unermüdlichen Wirken von Wolfgang Gabriel zu verdanken.

Nach mehr als 40 Jahren ununterbrochener Tätigkeit als musikalischer Leiter und Dirigent dieses Orchesters kann Wolfgang Gabriel auf eine eindrucksvolle Bilanz seiner Arbeit zurückblicken: Die Statistik zeigt nahezu 250 Konzerte mit etwa 300 Werken quer durch die Stile und Epochen, von Bach bis Strawinsky und bis zu seinen eigenen Kompositionen, aufgeführt an traditionsreichen Orten wie dem GMVS oder dem Konzerthaus oder auch bekannten Kirchenräumen, die traditionell als Aufführungsorte genutzt werden.

 

Heute gibt es so viele gute Liebhaberorchester wie noch nie, die einander um die Mitwirkung ambitionierter und begabter Amateure durchaus gesunde Konkurrenz machen. In dieser Situation hat sich der AOV unter der Leitung von Wolfgang Gabriel seinen Spitzenplatz erhalten. Das Orchester bietet bei sechs bis acht Produktionen im Jahr ein attraktives Programm - eine Leistung, deren Anerkennung sich in gut besuchten Konzerten widerspiegelt.

Eine der wesentlichen Voraussetzung für die anhaltende Qualität des Musizierens ist die sorgfältige Vorbereitung des Orchesters. Wolfgang Gabriel stellt sich mit großer Geduld dieser pädagogischen Aufgabe, im Bestreben, den Willen des Komponisten soweit wie möglich umzusetzen, also eine werktreue Interpretation zu erreichen, so „als würde der Meister zuhören“ (eines der liebgewonnenen Zitate von Wolfgang Gabriel).

Auf diese Weise wurden vom AOV unter der Leitung von Wolfgang Gabriel die Meisterwerke der verschiedenen Musikepochen aufgeführt, beginnend mit J. S. Bachs Passionen, der h-moll Messe, den Kantaten und Orchesterwerken, weiters Haydns Schöpfung und Jahreszeiten, die Symphonien und Ouvertüren Beethovens und dessen Missa Solemnis, die Symphonien, Instrumentalkonzerte und das Requiem von Mozart, die Symphonien von Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Dvořák bis zu Franz Schmidt, aber auch Werke von Debussy, Richard Strauss, Ravel und Strawinsky. Wobei dies keineswegs eine vollständige Aufzählung der gespielten Werke sein kann, und viele Aufführungen selten gespielter Kompositionen der großen und kleinen Meister, die ganz bewusst in das Programm genommen werden, wären hier noch zu ergänzen.

In vergangenen Zeiten, als es noch keine Berufsorchester gab, haben Liebhaberorchester entsprechend der damaligen Praxis das öffentliche Konzertleben bestritten. Heute ist für Amateure das gemeinsame Spielen im Orchester eine wichtige Bereicherung und ein Ausgleich für die anstrengende Tätigkeit in einem meist nicht musikalischen „Zivilberuf“. Sie haben Freude daran, ihre Talente und Begabungen im Musizieren umzusetzen, im Unterschied zum sonst vorherrschenden passiven Rezipieren oder Konsumieren der Musik. Amateure verstehen sich – in der positiven Auslegung dieser Begriffe – als „Liebhaber der Musik“ oder auch als Dilettanten, also „Kunstliebhaber, Kunstfreunde, die eine Kunst nur zum Vergnügen betreiben“. Die Musik zum Vergnügen zu betreiben (und zwar der Musiker und der Zuhörer), das hat Wolfgang Gabriel durch seinen jahrzehntelangen persönlichen Einsatz bewirkt und sichergestellt, dass das Amateurmusizieren als Bestandteil unserer Musiktradition und wesentlicher Beitrag zum Kulturleben unseres Landes auf hohem Niveau lebendig bleibt.  

Die heutige Ehrung gilt aber auch dem Komponisten.

Das kompositorische Schaffen von Wolfgang Gabriel umfasst bisher mehr als 100 Werke. Etwa die Hälfte davon ist in den letzten fünf Jahren entstanden, ein Zeichen einer besonders kreativen Lebensphase und großer Schaffenskraft. Spricht man ihn darauf an, lautet die Antwort meist, dies sei ganz selbstverständlich, da er erst nach seiner Emeritierung ausgiebig Zeit zum Komponieren hatte.

Sein Werkverzeichnis wurde im Jahr 2003 von unserem Freund und langjährigen AOV Mitglied Michel Kaltschmid in Buchform herausgegeben. Es umfasst alle Kompositionen ab dem Jahr 1953 und musste aufgrund der seit der Veröffentlichung geschaffenen weiteren über 20 Werke bereits ergänzt werden.

Wolfgang Gabriels Kompositionen umfassen eine große Breite instrumentaler Besetzungen, von der Solosonate bis zum großen Orchester. Einen Schwerpunkt bilden Werke in kammermusikalischer Besetzung. Viele davon wurden den musizierenden Mitgliedern der eigenen Familie oder Freunden gewidmet oder von ihnen in Auftrag gegeben und dann in der Regel von ihnen auch uraufgeführt. Neben Werken für Klavier schrieb Wolfgang Gabriel Solosonaten für Violine, Viola, Violoncello, Oboe und Bassklarinette. Es wundert nicht, dass die Oboe dabei eine führende Rolle spielt, sind diese Kompositionen doch alle für seinen ältesten Sohn Martin, der Solo-Oboist der Wiener Philharmoniker ist, geschrieben worden. Darunter befinden sich zwei Sonaten für Oboe-Solo, zwei Sonaten für Oboe und Klavier und zwei Quintette. Das erste Oboen-Quintett wurde im Dezember 1999 von Martin Gabriel gemeinsam mit dem Küchl-Quartett im Brahms-Saal uraufgeführt.

Weitere Kammermusikwerke sind Kompositionen in variabler Besetzung mit Bläsern, Streichern und Klavier, von der Sonate zum Trio bis zum Quintett und größeren Besetzungen. Neben Oboe und Fagott werden auch selten gehörte Instrumente wie Sopransaxophon und Bassklarinette einbezogen.

Sein Werk umfasst bisher fünf Streichquartette, aus denen heute zwei Sätze als musikalische Umrahmung zu hören sind, und zwar aus dem vierten und fünften Streichquartett, die in den Jahren 2002 und 2003 für Dominik Hellsberg und seine Freunde komponiert wurden, die zusammen das Coburg-Quartett bilden, und die heute für uns musizieren.

Ein besonders vergnügliches Werk ist das Quintett „Der Haifisch“ aus dem Jahr 2003. Es entstand auf Anregung von Norbert Theuretzbacher, Kammermusik-freund von Wolfgang Gabriel und Widmungsträger mehrer Kompositionen für Violoncello, als Gegenstück zu Schuberts Forellen-Quintett. Zu diesem Zweck schuf Gabriel zunächst ein moralisierendes Lied zu einem selbst verfassten Gedicht über den Haifisch und komponierte dann mit (Zitat) „der größten mir zur Verfügung stehenden Frechheit“ dieses Werk in der Besetzung und der Satzfolge des Forellen-Quintetts mit köstlichen thematischen Anspielungen auf das Vorbild. Bei den bisherigen Aufführungen bewährte sich Wolfgang Gabriel auch als hervorragender Pianist, der seine eigenen schwierigen Kompositionen virtuos wiedergeben kann.

Den Sängerinnen in Wolfgang Gabriels Familie, seiner Frau Susan und seiner Tochter Angharad gewidmet, sind mehrere aus einer langen Reihe von Liederzyklen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden sind. Die jüngsten, anlässlich des 75. Geburtstags vor kurzem uraufgeführten Vokal-kompositionen sind Beispiele außergewöhnlich stimmungsvoller Werke mit gefühlvoller Führung der Singstimme und wunderbarer Textübereinstimmung.

Wolfgang Gabriel schrieb für seinen Sohn Martin auch zwei Oboen-Konzerte. Das erste wurde im Dezember 1997 vom AOV im GMVS uraufgeführt. Die Uraufführung des zweiten Oboen-Konzertes fand vor wenigen Tagen ebenfalls mit dem AOV statt. Ein weiteres Werk für Bläsersolisten, ein Concertino für Oboe, Fagott und kleines Orchester wurde bereits im Dezember 2002 uraufgeführt. Die Solisten waren Martin Gabriel und sein Bruder Bernhard, der als Fagottist dem Orchester der Wiener Volksoper angehört. Dieses Werk kommt den technischen Möglichkeiten eines Amateurorchesters sehr entgegen und wurde mit großer Spielfreude angenommen und anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Orchesters als CD zum Jubiläum produziert. Insgesamt war das ein sehr vergnügliches Musizieren.

Als weitere Instrumentalkonzerte mit Orchester sind Werke zu nennen für die Soloinstrumente Violine, Bassklarinette, Kontrabass und Klavier und als Opus 100 ein Trompetenkonzert, welches erst vor kurzem fertig gestellt wurde.

Wolfgang Gabriel schrieb insgesamt sechs Konzerte für Orchester in großer Besetzung. Das sechste war ein Auftragswerk zum 90-Jahr-Jubiläum des AOV und wurde im Dezember 1994 im GMVS unter großem Beifall uraufgeführt. Die Werke mit Orchester erfreuen durch brillante Instrumentation, durch originelle melodische und rhythmische Einfälle. Dabei verzichtet er bewusst auf experimentelle Notation und erweiterte Klangmöglichkeiten der Instrumente. Viel wichtiger ist ihm der musikantische Einfall und die Spielbarkeit. Manche musikalische Pointe entsteht durch offene oder versteckte Anspielungen und augenzwinkernde Zitate.

 


Wolfgang Gabriels sagt selbst über seinen Kompositionsstil:

„Als Komponist empfing ich stärkste Impulse durch Bartok, Strawinsky und Alban Berg. Habe ich bei Alfred Uhl gelernt, instrumenten- und obertonreihengerecht zu orchestrieren, so verdanke ich den Werkanalysen Swarowskys die Erkenntnis, dass Musik – egal welchen Stils und Genres – eine greifbare Struktur und überzeugende Form haben muss, um wirksam zu sein und  bestehen zu können. Ich verwende altmodischerweise – nicht immer, aber oft – Zwölftonreihen … Ich möchte diese Arbeitsweise aber nur als Mittel zur Melodiebildung verstanden wissen, nicht als Weltanschauung …. Eine Grundtonbezogenheit wird man in meiner Musik immer feststellen können. Ich verlasse also, trotz Zwölftontechnik, nie den Boden der erweiterten Tonalität.“

 

Lieber Wolfgang, wir alle beglückwünschen dich herzlich zu dieser Auszeichnung der Republik Österreich und verbinden damit unseren Dank als musikalische Mitstreiter und Weggefährten. Das gemeinsame Musizieren hat viele Freundschaften mit dir entstehen lassen, die wir als persönliche Bereicherung erlebt haben. Wir danken dir für alles, was wir von dir lernen durften, was unsere musikalische Weiterbildung und Entwicklung gefördert hat, was unser Verständnis für den Aufbau und die Interpretation der Werke erweitert hat. Wir danken dir für unzählbare Stunden der Vorbereitung auf Konzerte, die dann zum gemeinsamen Erlebnis einer gelungen Aufführung wurden, für dein Engagement für die lebendige Tradition des Amateurmusizierens und für die Musikkultur unseres Landes.

Darüber hinaus schätzen wir dich als universell gebildeten, kreativen Musiker mit einem außergewöhnlich vielseitigen musikalischen Wissen und Können und als Menschen mit positiver Lebenseinstellung, mit Humor und mit jugendlichem Schwung. Wir wünschen dir und uns, dass dir all diese Eigenschaften möglichst lange erhalten bleiben.